Freitag, 17. September 2010

Brot und Bier

Eine unwirkliche, garstige Lebenswelt:

Nach der letzten Eiszeit kippt das Klima und die Vegetation ändert sich. Beeren und Früchte sind knapp, das Land gibt nicht viel her. Das Jagdwild wird knapp, der Hunger größer. Doch Wildgräser sind immerhin reichlich zu finden, anfangs aber wenig ertragreich.

Zunächst zufällig und aus Not gesammelt werden Körner immer mehr zu einem wesentlichen Bestandteil der Ernährung. Zufälligkeit hat eine Angriffsfläche und lässt mein Herz höher schlagen: Zufällige Aussaat am Lagerplatz, zufällige Kreuzungen ertragreicher Sorten. Und schon entstehen innerhalb weniger Generationen feste Plätze, die gegen Tier, Unkraut und Mensch verteidigt werden müssen.

Es entstehen dörfliche Strukturen; Krankheit, Pest und Tod und all die anderen Annehmlichkeiten der Sesshaftigkeit.

Welch schöne Geschichte! So oder so ähnlich habe ich mir bisher jedenfalls die Sesshaftwerdung des Menschen vorgestellt, hätte mich jemals jemand danach gefragt.

Jemand hat mich allerdings niemals danach gefragt und dennoch beißt sich auch ohne fremdes Zutun dieser moderne Menschwerdungsmythos an mehr als einer Stelle:

Obwohl der Mensch jahrthunderttausende dem Wechsel klimatischer und ökologischer Bedingungen getrotzt hat und etwa mit dem Wild fortzog, soll ihm das zu Beginn der neolithischen Revolution nicht mehr gelungen sein? Und obwohl Körner anfangs keinen Ertrag brachten, sondern nur unverhältnismäßig aufwändig in vernünftigen Maßen zu sammeln waren? Wo hat sich also der Anfangsvorteil des Körnersammelns versteckt, ohne den weder zufällige noch gezielte Zucht der Getreidesorten entstehen kann?

Geben die Jäger so schnell auf und werden zu Bauern? Obwohl wir heute noch jahreszeitlich unseren Wohnsitz nomadenhaft verändern, im Urlaub gleichwohl?

Was ist also die Lösung des Dilemmas? Richtig, statt Not und Hunger gehen wir einfach vom Gegenteil aus: Überfluss und Reichtum am Jagdwild!

Denn dieser offenbar belegbare, aber gemeinwohl verschwiegene Überfluss bringt im fruchtbaren Halbmond den Wandel mit sich: Körner, schwer zu sammeln und zur Ernährung bei Weitem nicht geeignet, gären vermengt mit Wasser rasch und bilden eine Art Urbier – auch in geringen Mengen. Berauschendes soll also am Anfang der Sesshaftigkeit gestanden haben, schließlich bildet Bier ein attraktives Zusatzangebot neben anderen berauschen Beeren und vergärtem Obst. Ein Zusatzangebot, das Kultur und Wohlstand schafft und jede Mühe lohnt.

Von dort ist der Weg rasch gegangen zum heutigen Brot: Ein wenig veränderte Temperaturen beim Gären, leicht andere Anteile von Korn und Wasser und schon haben wir Brot statt Bier. Ist ja auch kein Zufall, dass die Gerste das erste domestizierte Wildgras überhaupt war.

Endlich ist geklärt, wie das Bier entstand und das Brot obendrein. Endlich haben wir geklärt, das Bier der Motor jeglicher kulturellen Bemühungen war und ist.

Ein spannendes, allerdings noch nicht unumstrittenes Ergebnis der Forschung - zur Freude von Bayern und ihrem Oktoberfest.

Und mein erster Beitrag zur unvollständigen Liste faszinierender Ideen.

http://www.welt.de/wissenschaft/article2399526/Am-Anfang-war-das-Bier-und-nicht-der-Hunger.html

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